Text: Marcus Goldhahn & Vanessa Zeuch (April 2013)

© Piffl Medien
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„Barbara“ die Geschichte einer Frau, die weg will, aber bleiben muss.

 

Schon in den ersten Bildern schauen wir auf Barbara aus der Vogelperspektive. Es wird also suggeriert, dass sie beobachtet wird. Und in diesem Moment im Kinosaal sind es wir, die Zuschauer, die Barbara überwachen. Den gesamten Film hindurch sieht man oft an ihrem Hinterkopf vorbei auf das Geschehen. Der Blick der Kamera, der Stasi und des Publikums werden vereint und sitzen ihr im Nacken.

 

Zu der Überwachungsszenerie kommen Trabis, aufgemalte Strumpfhosen und 80er-Jahre-Kleidung und man weiß: hier geht’s um die DDR. Warum die blonde Frau, gespielt von Nina Hoss, im Zentrum von so viel staatlicher Aufmerksamkeit steht, wird schnell klar. Ein Ausreiseantrag – nicht genehmigt – ist der Obrigkeit sauer aufgestoßen, daraufhin folgte die Strafversetzung. Die ehemalige Charité-Ärztin aus Berlin arbeitet nun an einem Kinderkrankenhaus in der ostdeutschen Provinz.

 

Die neue Heimat

 

Ihre Ankunft wird kritisch beäugt, nicht nur von den Nachbarn, sondern auch von den Kollegen. Barbara reagiert mit kühler Distanz. Einzig bei ihren Patienten kann sie Wärme und Empathie zeigen. So ist das Krankenzimmer der jungen Stella in das warme Licht einer roten Lampe getaucht, hier schafft es auch Barbara, etwas aufzutauen. Hier zeigt sich auch eine diffuse Doppeldeutigkeit des Begriffes „Überwachung“: Barbara wacht über ihre Schützlinge wie eine Mutter über ihr Kind, während sie selbst überwacht wird, wie es eben eine realsozialistische Diktatur bei ihren Einwohnern tut –  mit subtiler Schikane und deutlichen Eingriffen. Erniedrigende Durchsuchungen muss sie stumm erdulden, das Eindringen in ihr Privatleben erfolgt dabei sowohl auf psychischer als auch physischer Ebene. Ob die Nachbarin gegenüber, die Mitreisende im Zug oder das Auto mit laufendem Motor vor der Tür, es wird nicht einmal der Versuch unternommen, die Beobachtung zu verschleiern.

 

„Hier kann man nicht glücklich werden,“ sagt sie im Gespräch mit ihrem westdeutschen Geliebten, der ihre Flucht plant. Es ist nicht nur das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen, das ihr zusetzt, sondern die Gewissheit. Ihr wird von der Staatssicherheit die eigene  Machtlosigkeit und die absolute staatliche Kontrolle über den Einzelnen im Arbeiter- und Bauernstaat vor Augen geführt.

 

Radeln als ein Stück Freiheit

 

Der leitende Arzt des Krankenhauses, André, versucht das Vertrauen seiner neuen Kollegin zu gewinnen. Doch wem darf man trauen in einem System von Observation und Anschuldigungen? Und wo endet gebotene Vorsicht und wo beginnt Paranoia?

 

Das einzige Stück Unabhängigkeit ertrotzt sie sich mit etwas recht Banalem. „Ich brauch’ ein bisschen Luft,“ ruft sie einmal, um kurz darauf mit ihrem Fahrrad davonzufahren. Auf dem Sattel entflieht sie nicht nur den Spitzeln, sondern kann für kurze Momente der erstickenden Enge ihrer Lebensumstände entkommen. In ihren Ohren keine Musik, um das Abhören zu erschweren, kein Motorengeräusch des Stasi-Fahrzeugs, keine forschenden Nachfragen, ganz allein der laute Wind, der wie ein weißes Rauschen in ihren Ohren alles andere übertönt.

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Fazit

 

Der Film „Barbara“ lebt von seinen wenigen Dialogen. Gibt es sie, sind sie tiefgründig und regen zum Nachdenken an. Trotz des offenen Ausgangs, möglicherweise gerade deswegen, ist Christian Petzold ein Film über Liebe und Staat gelungen. Ein Film über die DDR, die hier mal nicht trist und grau ins Auge fällt. Eher ein farbiges Zuschauen auf die Menschen, deren Sorgen und Wünsche, ihre Liebe und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben. Als der Film endet und die Schwarzblende einsetzt, ertönt ein Lied: „At last I am free“. Aber was genau am Ende mit Barbara passiert, muss jeder für sich selbst herausfinden.

 

BARBARA, Regie: Christian Petzold, D 2012, Piffl Medien, 105 min.

 

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