Text: Marcus Goldhahn & Vanessa Zeuch (April 2013)

© Filmcoopi Schweiz
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Ginger gegen Rosa

 

‘Ginger & Rosa’ beginnt mit den Bildern eines Atompilzes und dem zerstörten Hiroshima. Statt des Spielfilms die Kernwaffendoku eingelegt? Nein, denn im selben Jahr wie die Atombombenabwürfe über Japan – 1945 – werden im gleichen Londoner Kreißsaal Ginger und Rosa geboren. 17 Jahre später, wenn die Handlung des Films tatsächlich beginnt, sind die beiden beste Freundinnen: Sie rauchen die erste Zigarette zusammen, üben zu küssen, bügeln sich gegenseitig die Haare und liegen mit Jeans in der Badewanne, um sie hauteng anliegen zu lassen.

 

Das nicht so offensichtliche im Bild

 

Es liegt etwas in der Luft im London von 1962: Die Beatles werden von einer großen Plattenfirma abgelehnt, weil sie zu unmodern seien, die Rolling Stones haben sich auch gerade erst gegründet. Große Veränderungen sind greifbar, alles scheint im Aufbruch. Die Angst vor einem atomaren Weltkrieg liegt bleiern in der Luft. Ginger und Rosa, gerade im Prozess des Erwachsenwerdens und immer stärker sensibel werdend für äußere Ereignisse empfinden diese globale Unsicherheit als ganz persönliche Bedrohung. “Wir müssen etwas dagegen tun”, sind sich die beiden einig. “Protestieren”, sagt Ginger, “Beten” meint Rosa. Das sind die ersten Risse in einer bis dahin unzertrennlichen Freundschaft.

 

Sally Potter, die Regisseurin, zeichnet das Bild der Sechziger Jahre hauptsächlich über die gedeckten Farben und Kleidungsstücke der Protagonisten und über die Musik. Mit dem aus Jazzstücken der 60er Jahre bestehenden Soundtrack wird die Zeit und die Grundstimmung des Films eingefangen. Die Songauswahl liest sich dabei wie ein Lehrstück zum Thema “Jazzgrößen”: Miles Davis, Duke Ellington, Thelonious Monk und viele andere bekannte Jazzmusiker dieser Zeit.

 

Das falsche Vorbild

 

Die Zeit des Umbruchs wird auch in den Familienstrukturen deutlich. Gingers Vater, Roland, lebt den neuen Zeitgeist. Er ist Aktivist, Autor, Freidenker und wird deshalb von seiner Tochter angebetet. Er ist allerdings auch ein Schürzenjäger, der selbst vor der besten Freundin seiner Tochter nicht halt macht. Seine Ehefrau, Gingers Mutter, ist noch gefangen in alten Rollenstrukturen. Entgegen ihrem Willen ist sie das „Heimchen am Herd“ und dafür haben sowohl Roland als auch ihre Tochter nur Verachtung übrig.

 

Ginger ist blind gegenüber den Fehlern ihres Vaters – noch. Am Ende kommt dann der ultimative Betrug – die genauen Umstände sollen hier natürlich nicht verraten werden – der erst Gingers Welt endgültig aus ihren Fugen geraten lässt, dann aber Mutter und Tochter das erste Mal im Film einander näher bringt.

@ Filmcoopi Schweiz
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Fazit

 

Das persönliche Drama des Heranwachsens zweier Mädchen entfaltet sich hier vor dem Hintergrund von kaltem Krieg, Wettrüsten und atomarer Bedrohung. Rosas fatalistische Sicht auf die Welt – etwas ziemlich normales in ihrem Alter – wird verstärkt durch die real existierenden Bedrohungen, die durch die politischen Umbrüche dieser Zeit entstehen.

 

Das Auseinanderdriften einer engen Freundschaft ist ein schmerzhafter Prozess, den jeder in seiner Jugend durchlebt hat. Oft, so wie auch bei Ginger & Rosa, ist er aber notwendig um die eigenen Ideale und Bedürfnisse durchsetzen zu können.

 

Sehenswert ist der Film insbesondere durch die herausragende schauspielerische Leistung von Elle Fanning, die Ginger spielt. Sie zeigt das Gefühlschaos des Erwachsenwerdens mit einer Verletzlichkeit und Ernsthaftigkeit, die den Film davor rettet, zu einem typischen Teenager-Drama zu verkommen. 

 

Ginger&Rosa, Regie: Sally Potter | 90 min | Dolby SRD 5.1 | 1.2:35, 24fps

 

Kinostart: 11. April 2013

 

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